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Buch des Monats

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Hier stellen die Dozentinnen Valerie Eisele und Ulla Stauber jeden Monat ein Bilder-, Kinder- oder Jugendbuch vor. Wir wünschen viel Spaß beim Schmökern.

Buch des Monats März

Kirsten Boie: Aufruf zum Größenwahn
Warum Frauen den Mut haben sollten, alles zu wollen

Kirsten Boie vorzustellen, das ist unter angehenden pädagogischen Fachkräften ja vielleicht bisschen „Eulen nach Athen tragen“, also müßig, überflüssig. Kirsten Boie gehört zu den bedeutendsten, bekanntesten und erfolgreichsten zeitgenössischen Kinder- und Jugendbuchautor:innen. Ein paar ihrer Figuren nenne ich mal und hoffe auf vielfaches „ahh – ja klar“: die Kinder aus dem Möwenweg, Linea, King Kong, das Geheimschwein, der kleine Ritter Trenk, Prinzessin Rosenblüte, Seeräuber Moses … aber auch Jugendbücher wie „Alhambra“, „Dunkelnacht“ (ausgezeichnet mit dem deutschen Jugendliteraturpreis 2022), „Ein mittelschönes Leben“…

Nun ist im Arche-Verlag ein schmales Bändchen – es umfasst nur 42 Seiten – mit dem Titel „Aufruf zum Größenwahn – warum Frauen den Mut haben sollten, alles zu wollen“ erschienen. Also eine Empfehlung auch an alle, die etwas schnell Lesbares einem dicken Schmöker vorziehen. Es ist die von Kirsten Boie überarbeitete und in Buchform gebrachte Rede, die sie zum internationalen Frauentag am 8. März im Jahr 2020 im Hamburger Rathaus gehalten hat.

Warum empfehle ich nun unter all den fantastischen Büchern von Kirsten Boie gerade dieses? Nun, zum einen – siehe oben: Ich denke, Sie sind mit einigen der Titel von ihr vertraut, vielleicht auch mit Kinderbüchern von ihr großgeworden (ansonsten: da lässt sich noch was nachholen!). Zum andern, weil sie in diesem Buch so persönlich wird, so viel aus ihrem Werdegang erzählt, auch von den Hürden, die sie als Frau, 1950 in Hamburg geboren, auf ihrem Weg beruflich und privat überwinden musste. Ursprünglich wollte Kirsten Boie nämlich Chemikerin werden, die Berufsberaterin des Arbeitsamtes machte daraus flugs „chemisch-technische Laborantin“, ein Studium der Chemie war für Frauen bis in die 1970er-Jahre hinein nicht auf der Vorschlagsliste. So wurde Kirsten Boie schließlich Lehrerin, aber auch da gab es einiges an Vorbehalten und Einschränkungen zu verkraften, vor allem als sich Boie und ihr Mann zur Adoption von zwei Kindern entschlossen.

Für uns Leser:innen ein Glücksfall, da sie so mit dem Schreiben begann (und 1985 mit „Paule ist ein Glücksgriff“ gleich großen Erfolg hatte) – ein Glücksfall für alle kindlichen und jugendlichen Leser:innen! Und für alle Erwachsenen, die sich gerne mit Kinder- und Jugendliteratur befassen und vorlesen. Kirsten Boie ist ungemein humorvoll und empathisch, sie ist sozialkritisch und sie arbeitet in ihren Büchern Themen der deutschen Geschichte und Gegenwart auf. Eine gesellschaftspolitisch wichtige Stimme also, ein Sprachrohr für viele, die erst mal im Sprechen ankommen müssen oder denen erst mal zugehört werden sollte. So zum Beispiel in „Bestimmt wird alles gut“, der Geschichte einer Flucht aus Holms in Syrien nach Deutschland oder in „Ein mittelschönes Leben“, eine Geschichte über den Weg in die Obdachlosigkeit in unserem Land.

Zu wünschen ist ihr und uns, dass sie sich weiterhin gesellschaftspolitisch einmischt, auch in die Förderung des Lesens, wo sie mit ihrem Aufruf „Jedes Kind muss lesen lernen“ (2018) und der Unterstützung des Konzepts von Lesepat:innen prominente Unterstützung gibt. In „Seeräuber-Moses“ wird das Findelkind, das lange Zeit keinem biologischen Geschlecht zugeordnet wird und sich so frei von biologistischen Zuschreibungen entwickeln kann, an einer Stelle sagen: „Wenn ich das will, dann kann ich das auch.“ Das ist so ein typischer Boie-Satz, der für ihr Leben gilt und den wir uns immer wieder vergegenwärtigen sollten. Natürlich nicht nur am Internationalen Frauentag – dennoch für mich eine passende Gelegenheit, das Buch des Monats März 2024 „Aufruf zum Größenwahn“ hier zu empfehlen.

Ulla Stauber, Dozentin u. a. für Kinder- und Jugendliteratur

Buch des Monats Februar

Wann ist endlich Frieden?

Antworten auf Kinderfragen zu Krieg, Gewalt, Flucht und Versöhnung von Elisabeth Raffauf und Günther Jakobs  

Hinter einer kriegerischen Szene, Panzer, Soldaten, Menschen auf der Flucht sind da von Günther Jakobs gemalt, geht nicht die Sonne auf, sondern ein Kindergesicht schaut besorgt hervor. Das ist, kurzgefasst, das Titelbild des 2023 im Fischer Kinder-und Jugendbuch Verlag erschienenen Buches, welches sich an alle richtet, die sich mit diesen Kinderfragen beschäftigen und die gemeinsam mit Kindern Antworten suchen.

Elisabeth Raffauf ist eine erfahrene Psychologin, die unter anderem Sachbücher und regelmäßig für die Wochenzeitung „Die Zeit“ und die „Süddeutschen Zeitung“ schreibt und die Kindernachrichtensendung „logo“ im ZDF fachlich begleitet. Und diese fachliche Breite merke ich dem Buch an: In einer klaren, ruhigen Sprache stellt Elisabeth Raffauf hier Aussagen vor, die sie auch tatsächlich bei „Expert:innen zum Thema“, nämlich bei von Krieg, Vertreibung und Flucht erfahrenen Kindern gesammelt hat. Die Fragen, die sie entwickelt, sind klug gestellt und bilden das Thema breit ab, die Antworten, die die Autorin findet, sind einfühlsam formuliert und enthalten viele Informationen, die durch ein Stichwortverzeichnis noch ergänzt werden.

Was ist Frieden? Was ist Krieg? So eröffnet das Buch, um sich dann dem Thema „Krieg“ intensiver zuzuwenden: Was passiert, wenn ein Krieg anfängt? Wie war es, als der Krieg bei euch ausgebrochen ist? Warum gibt es Krieg? Wie lange dauert ein Krieg? In jede neue Fragestellung sind die Kinder mit ihren direkten Erfahrungen einbezogen, der Illustrator Günther Jakobs gibt ihnen mit seiner Gestaltung ein Gesicht. Und auch uns, wenn er Szenen und Fragen ergreifend illustriert, die viele umtreiben: Wie können wir helfen? Was können wir alle für den Frieden in unserer Nähe tun?

Das Buch ist eine Einladung und eine sehr konkrete Unterstützung, um mit Kindern über Krieg und Frieden ins Gespräch zu kommen. Und um weitere Fragen zu entwickeln. Etwa die leider sehr aktuelle Frage danach, wie wir die Demokratie schützen und geflüchteten Menschen Sicherheit hier in Deutschland bieten können. 

Ulla Stauber, Dozentin u. a. für Kinder- und Jugendliteratur

Buch des Monats Januar
„Der Ursprung der Welt“ von Liv Strömquist

Über Vulvalippen und andere schöne weibliche Körperteile - denn hier gibt’s nichts zu schämen!

Bereits 2017 erschien im renommierten Comic-Verlag avant die graphic novel „Der Ursprung der Welt“ von Liv Strömquist. Hat zugegebenermaßen etwas gedauert, bis ich es entdeckt habe, doch es fügt sich ganz wunderbar in die nun anbrechende Zeit der endlich korrekten Biologiebücher in Deutschland. Das wiederum ist Sina Krüger zu verdanken. Die Berliner Sport- und Biologielehrerin hat ihre Abschlussarbeit 2020 über die „Darstellung des weiblichen Genitalbereichs in Biologieschulbüchern - ein Beitrag zur emanzipatorischen Sexualpädagogik“ geschrieben. Und damit etwas Sensationelles erreicht: Die großen Schulbuchverlage Cornelsen, Klett und Westermann haben inzwischen neun Biologiebücher überarbeitet und mit anatomisch richtigen Abbildungen und sprachsensiblen Texten versehen.

Bisher war beispielsweise von der Klitoris, dem zentralen weiblichen Organ in der Mitte der Vagina gelegen, immer nur als „Halbmond“ oder „Perle“ zu lesen, dabei ist der nach außen sichtbare Teil nur ein kleines Stück eines im Innern deutlich größeren Organkomplexes, der eine wichtige Funktion hat: sexuelle Erregung und Lust. Dass diese den Herren der Schöpfung quer durch unterschiedliche Epochen und geisteswissenschaftliche Lager ein Dorn im Auge war, stellt Liv Strömquist so detailreich wie humorvoll dar - dabei könnte Frau ins Kissen heulen über all der übergriffigen Handlungen und Zuschreibungen.

Da wäre zum Beispiel ein gewisser John Harvey Kellogg (1852- 1943). Und ja, Sie liegen richtig, wenn Sie an Frühstücksflocken denken. Nun hat Herr Kellogg aber nicht nur Cornflakes erfunden, er war auch Arzt und seine Passion waren Gesundheitsbücher, in denen er weibliche Onanie zur Ursache für Gebärmutterkrebs, Epilepsie und allgemeine mentale und physische Labilität erklärte. Und mit einem probaten Mittel war er gleich zu Hand: ein paar Tropfen Karbolsäure auf die Klitoris geträufelt und schon ist es vorbei mit den lustvollen Empfindungen. Dann wären da noch der Arzt Dr. Isaac Baker-Brown (1811-1873), der gleich zur Schere griff und die sichtbare Perle einfach herausschnitt. Oder Augustinus, der im 4. Jahrhundert nach Christus die Idee entwickelte, dass Sex und Lust, vor allem weibliche Lust, ein Verrat an Gott wäre, dass sexuelle Lust immer mit Schuld und Scham zu verbinden sei und dies den Grundstein für das Zölibat, also verordnete sexuelle Enthaltsamkeit legte, mit all den schrecklichen Auswirkungen, mit denen die christlichen Kirchen bis heute straucheln.

Ein weiteres großes Kapitel widmet Liv Strömquist der Menstruation und stellt auch hier geistreiche, witzige und kluge Fragen: Warum müssen wir die Periode „frisch und sicher“ in weißer Jeans meistern? Warum muss ein Tampon diskret in der Hand verborgen heimlich zur öffentlichen Toilette transportiert werden? Mal ehrlich: was daran ist peinlich? Und die Frage sei erlaubt: Hätten Jungs Periode im gleichen gesellschaftlichen Kontext, wie würden die es machen? Meine Idee: Ich glaube, sie trügen ihre Tampons chic aufgereiht an einer Kette gut sichtbar um den Hals. ;-)

Also: es gibt noch viel zu tun! Solche wundervollen Comics machen Spaß, sich auf Spurensuche durch die Geschichte der Menschheit zu begeben, die Geschichte der Religionen, Psychoanalyse, Medizin, näher anzuschauen und Dinge, vor allem auch Sprache zu hinterfragen. Zum Beispiel im Kapitel „Eva erzählt“, da kommen die vielfältigsten Fragen zur weiblichen Anatomie auf. Liv Strömquist lässt Eva ulkige, ernsthafte und humorvolle Beobachtungen und Überlegungen anstellen. Und eine geschlechtersensible Sprache verwenden. Reden wir also nicht länger von Schamlippen, sprechen wir lieber von Vulvalippen und legen nicht fest, wie große und kleine Vulvalippen auszusehen haben, sondern belassen es dabei, dass es äußere und innere Vulvalippen gibt.

Freuen wir uns: Jippie!!! Im Jahre 2021 nach Christus ist es nun doch tatsächlich schon gelungen, korrekte Darstellungen der weiblichen Genitalien in Schulbüchern zu bekommen! Danke Sina Krüger (die übrigens den Stuttgarter Klett Verlag für die nun besonders gelungene sprachliche und bildliche Darstellung lobt) und Dank an die großartige feministische Comiczeichnerin Liv Strömquist, die mit dem „Ursprung der Welt“ auch eine große Aufklärerin und Kulturvermittlerin ist.

Und eins noch, falls Sie sich fragen, was es mit dem Titel auf sich hat. Es gibt ein gleichnamiges Bild des Malers Gustave Courbet von 1866. Ein Krimi ist die Geschichte des über viele Jahre nur verdeckt gezeigten, zwischenzeitlich auch verschollenen Bildes, das nun im Museum d´Orsay in Paris zu sehen ist.

Ulla Stauber, Dozentin u. a. für Kinder- und Jugendliteratur

Buch des Monats Dezember
Hunde im Futur

Echt jetzt? Ein Buch über deutsche Grammatik? Ist das nicht zäh? Ist das nicht der Haferschleim unter allen möglichen Frühstücksvarianten? Vielleicht ging es Ihnen ja in der Schule auch so (Verzeihung liebe Deutschlehrer*innen!): Grammatik - und ja, vielleicht wirklich gerade die Grammatik des Deutschen - ist sooo schwierig! (Welcher Fall ist das gleich? Ah, Genitiv: Wessen Grammatik ist das? Die Grammatik des Deutschen.)

Und dann die vielen Ausnahmen von der Regel. Dazu kommt: in der Grundschule oft mit anderen Begrifflichkeiten eingeführt, als später dann fortgesetzt. Plötzlich heißt das „Wie-Wort“ oder „Eigenschaftswort“ (Brücke: Wie ist das Brot? Knusprig!) „Adjektiv“… ach je, war das vielleicht schwer zu kapieren.

Grammatik kann auch anders. Das Geschwisterpaar Susanne und Johannes Rieder haben mit der Illustratorin Arinda Craciun eine Grammatik in Bildern geschaffen, die ihresgleichen sucht. Jede Seite ein kleines Wunderwerk, die Faltmethode einfach und genial zugleich.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus dem Text. Stellen Sie sich die Zeichnung eines Familienfestes vor, eine Hochzeit wird gefeiert, das Brautpaar sitzt in der Bildmitte, Gäste auf Stühlen und stehend drumherum, ein Hund läuft durchs Bild, Musizierende sind zu sehen und Menschen, die Blumen bringen.

Dazu folgender Text:

Sie merken schon: hier wird alles erklärt. Ein Beispielsatz dazu: „Das Demonstrativpronomen = hinweisendes Fürwort hebt eine Person oder eine Sache besonders hervor. Demonstrare lateinisch: zeigen.“

Die Abbildungen und die Erklärtexte, die sprachlichen Bilder und Geschichten, die hier Grammatik erklären, sind so ansprechend gewählt, dass die Betrachtenden fast schon nebenher Grammatik lernen.

Und die Geschwister Rieder sind auch – und das ist in der deutschen Grammatik gar nicht so leicht und mit all den Germanist*innen, die immer gleich schreien, „Gender-Sternchen machen die Texte kaputt!“ auch wichtig, beispielhaft hier mal zu wiederlegen: Grammatik wiegt nicht mehr als Inhalt. Und da lassen sich mit klugem genderbewussten Kopf auch schöne Lösungen finden! So erklären die Rieders den „Genus“, also das grammatikalische Geschlecht eines Substantivs (Neutrum= sächlich, Femininum=weiblich, Maskulinum= männlich) zum Beispiel so:

„Wenn von mehreren Personen gleichzeitig gesprochen wird, hat man lange Zeit immer nur die Maskulinform verwendet: „Liebe Schüler!“ Das ändert sich gerade, weil viele Leute empfinden, dass bei dieser Form etwas fehlt. Deshalb werden verschiedene Möglichkeiten ausprobiert, die auch die Femininform mit einbeziehen: Man kann zum Beispiel einen Doppelpunkt einfügen (Schüler:innen) oder ein Wort finden, in dem beide Geschlechter enthalten sind. („Liebe Studierende!“ statt „Liebe Studenten!“).

Gerade für die pädagogische Arbeit ist es wichtig, Vielfalt auch sprachlich abzubilden und nicht nur „mitgemeint“ zu sein. Das bedarf ein wenig Übung, Fingerspitzengefühl und Eloquenz – auch dazu leistet dieses wunderbare Buch einen Beitrag.

Ulla Stauber, Dozentin u. a. für Kinder- und Jugendliteratur

Buch des Monats November
Die vergessenen Kinder von Lesbos

„Manchmal male ich ein Haus für uns - Europas vergessene Kinder“ heißt das Fotobuch, das ich Ihnen im November als mein „Buch des Monats“ vorstellen möchte. Die Fotografin Alea Horst hat im Jahr 2021 Interviews mit Kindern geführt, die in den Flüchtlingslagern in Griechenland leben. Die Kinder erzählen von Flucht, Vertreibung und dem Leben im Flüchtlingslager, aber auch von glücklichen Tagen, von Wünschen und Hoffnungen.

Das ist sehr berührend in der Direktheit von Text und Fotografie. „Ich lebe im Containerlager Kara Tepe, weil ich ein Flüchtling bin“, erzählt Neda, 13 Jahre aus Afghanistan. „Ein Flüchtling ist jemand, der sein Land verlassen musste und in ein anderes Land geht und dort versuchen muss, ein neues Leben anzufangen und ein Teil von dort zu werden. Ich bin ein Flüchtling, weil es in unserem Land nicht sicher ist. Wir konnten dort einfach nicht leben.“

Die Kinder, die hier zu Wort kommen, geben uns auch Einblicke in das Leben im alten Lager von Moria, das abbrannte. Wir erfahren vom Leben danach auf der Straße, im Zelt- und Containerlager. Sie berichten von gleichförmigen, manchmal auch beängstigenden Tagen unter einfachsten Lebensbedingungen und von ihrer Sehnsucht nach dem, was für uns Normalität ist: ein Dach über dem Kopf, Schulbildung, Hygiene, Nahrung und die Möglichkeit, ein soziales und kulturelles Leben zu gestalten.

Arash, 13 Jahre, ebenfalls aus Afghanistan geflohen, sagt: „Ich wünsche mir, dass meine Mama einfach nicht mehr traurig ist.“ Und an anderer Stelle: „Wenn alle Kinder in der Welt freundlich zueinander sind, im Team arbeiten, wenn sich alle bemühen, ein gutes Leben zu führen, dann haben wir vielleicht irgendwann keine Kriege mehr oder auch keine Camps.“

In Zeiten, in denen Politiker:innen sich darin zu überbieten scheinen, Härte gegen Flüchtlinge zu zeigen und Schurkenstaaten zu sicheren Herkunftsländern umzudeklarieren, ist dieses Buch von  unschätzbarem Wert: es erinnert uns daran, die Menschen mit ihren einzelnen Lebensgeschichten zu sehen und ihnen Respekt und Würde zukommen zu lassen. Und sie trotz aller anderen Krisen nicht zu vergessen.

Das Buch ist im Klett-Verlag 2022 erschienen, es war dieses Jahr auf der Nominierungsliste „Sachbuch“ zum Jugendliteraturpreis.
Falls Sie noch Ideen für Geschenke zu Weihnachten suchen, das wäre meine Empfehlung. Ein Teil des Erlöses aus dem Buchverkauf geht an das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR.

Ulla Stauber, Dozentin für Kinder- und Jugendliteratur

Buch des Monats Oktober
Harte Schale, Weichtierkern

Die Schriftstellerin Cornelia Travnicek hat mit „Harte Schale, Weichtierkern“ ein wunderbares Coming-Of-Age-Buch geschrieben. Sie erzählt darin so feinfühlig wie witzig von der 16-jährigen Fabienne mit den unglückseligen Initialen F.C.K., die sie als Fabienne Caroline Klausner im frühen Schulalter ahnungslos auf ihre Hefte schrieb. Travnicek lässt Fabienne im Tagebuchstil und wunderschön illustriert (Michael Szyszka) erzählen, wie das so ist mit einem Leben im „Autismus-Spektrum“.

Wann fiel ihr auf, dass sie ein bisschen anders tickt, als viele andere Kinder?

„An den Abenden, an denen meine Eltern mit mir als Kind früher von den Gartenfesten nach Hause fahren mussten, während alle anderen sich freuten, länger wach bleiben zu dürfen, weil ich müde war, Bauchweh hatte und/oder fror. Und sobald ich im Auto saß, war alles gut. Die Ruhe, der begrenzte Raum.“ In Fabiennes Schilderungen entsteht kein „wie strange“, sondern vielmehr ein „ah, so fühlt sie sich, gar nicht so weit weg von dem, was ich irgendwie auch so oder so ähnlich kenne.“ Das eröffnet Raum für Nähe und Verständnis und auch Interesse, mit dieser „Seelenstudie“ umzugehen.

Wunderbar differenziert und einfühlsam sind all die zusammengewürfelten Szenen, Erinnerungen, Tagebucheinträge .... und in Teilen auch witzig. Und manchmal auch zum Schaudern, wenn da steht: „Du sollst nicht Asperger sagen. Das Asperger-Syndrom ist benannt nach dem österreichischen Kinderarzt „Hans“ Asperger (1906-1980). Die Nationalsozialisten hielten diesen Johann Friedrich Asperger für „in charakterlicher sowie politischer Hinsicht einwandfrei.“ Gegen andere Leute hatte Asperger jede Menge Einwände. Er nannte ein sechsjähriges Mädchen eine Hure, weil es missbraucht worden war und einen jüdischen Jungen, der Angst wegen Hitlers Machtübernahme hatte, paranoid. Seine eigenen schriftlichen Beurteilungen überwiesen kleine Kinder in die Anstalt „Am Spiegelgrund“, wo sie mit Phenobarbital vergiftet wurden.“

Cornelia Travnicek, Jahrgang 1987, lebt abwechselnd in Wien und einem niederösterreichischem Dorf. Mit „Harte Schale, Weichtierkern“ ist sie in der Kategorie „Jugendbuch“ für den deutschen Jugendbuchpreis 2023 nominiert.

Ulla Stauber, Dozentin für Kinder- und Jugendliteratur